gerda fellay et ses vaches d'hérens description gerda fellay

Friedrich Liebling

„Der lange schwere Weg zur Gefühlsveränderung“

Das erste Gespräch bei Friedrich Liebling

Man dachte, in 2-3 Sitzungen werde ich ein anderer Mensch sein! Die Gefühlsveränderung bei einem erfahrenen Psychotherapeuten geht doch ruckzuck. Ich werde mich total befreit fühlen. Ich werde glücklich sein. Alle meine Zweifel und Sorgen werden überwunden sein. Ein neues Leben beginnt.

Der Mensch ist schwachsinnig!

Immer wieder betonte Friedrich Liebling, dass der Mensch schwachsinnig sei. Aber im Grunde nahm das niemand für sich in Anspruch. Ja, ja, das könne schon sein, dass es solche Menschen gäbe. Aber wir hier in der Zürcher Schule, wir arbeiten doch an unserer Persönlichkeit. Wir machen doch Fortschritte.

Viele dachten auch, Friedrich Liebling sage das einfach so.

Das Weltbild des Schwachsinnigen

Dieser Schwachsinnige denkt, dass die Psychologie genau so eingerichtet ist, wie die Gesellschaft. Die fleissigen Schüler kommen voran. Die bekommen Privilegien und dürfen dann im Kreis von Lieblings Schüler sitzen, später dürfen sie Gespräche führen und die Beratungsstelle leiten und – wer weiss – villeicht sogar übernehmen. Tatsächlich gab es viele, die dachten, dass sie es besser könnten als Friedrich Liebling.

Dieser Schwachsinnige denkt, wenn er seine Schokoladenseite herauskehrt, sich in Gesellschaft benimmt, in den Gruppen mitspricht oder den Wortführern nachplappert, dann gehöre er zu den Auserwählten. Was er zu Hause mit seinen Kindern anstellt, wie er seinen Partner behandelt, mit den Mitarbeitern umgeht, das gehe niemand etwas an. Ja, das zählt wohl gar nicht oder aber es wird total verdrängt.

Psychologe sein ist die Rolle des Psychologen zu spielen, nicht jeden Tag, zu Hause und überall, der Psychologe sein.

Dieser Schwachsinnige bewegt sich in der Gruppe als gäbe es keine Welt mit allen ihren Problemen. Er glaubt, dass er niemals marschieren würde, niemals in den Irak oder in Afghanistan einmarschieren, töten, foltern… würde. Das tun nur die andern…

Dieser Schwachsinnige glaubt, dass die Gefühlsveränderung leicht ist. Hokus Pokus Fidibus – und er ist  seelisch gesund.

Dieser Schwachsinnige glaubt, dass er die Kindheit überwunden hat, wenn er nur genügend oft über sie gesprochen hat.

Meine Voten an der letzten und vorletzten Tagung

Anlässlich der letzten Tagung und bereits sehr stark an der vorletzten nahmen verschiedene Teilnehmer Stellung zu meinen Voten, um mir zu sagen, dass ich zu pessimistisch sei oder aber gewissermassen den andern die Stimmung verderben wolle. Manche hatten auch Mitleid mit mir, weil ich halt noch nicht so weit sei wie sie.

Man versuchte gar, ein bisschen schüchtern zwar, mir das Wort zu verbieten. Ich musste froh sein, dass man mein Votum überhaupt, wenn auch ganz zuletzt, zuliess.

Ich bin jedes Mal ziemlich niedergeschlagen nach Hause gefahren. Dann habe ich mir überlegt, dass ich wohl zu ungeduldig sei.

Nun, man muss (ich muss es mir eingestehen) es sich eingestehen: Diese Ungeduld gehört ja auch zum Schwachsinn.

Wenn wir diesen Schwachsinn genau untersuchen, dann sehen wir, dass dahinter das gute alte Erbe unserer Kindheit steckt: die Idee vom freien Willen, von der bösen Natur des Menschen.

Diese Meinung über den Menschen verdirbt uns jede Sekunde des Lebens, immer und überall kommt dieses Konzept hervor:. Der Mensch könnte sich anders verhalten, wenn er sich nur Mühe gäbe, wenn er nur wolle.

Gewalt in vielen Formen

Spontan kommen mir diese Formen in den Sinn:

Ungeduld

Irritation

Ärger

Der ungeduldige Ton

Die Zurechtweisung

Das sich gegen jemanden zusammenschliessen

Schlecht über den andern/andere sprechen

Der Schwachsinn den ich meine

Schwachsinn = Freier Wille

Schwachsinn = Ungeduld

Schwachsinn = Ärger

 

 

Gefühlsmässig oder Verstandesmässig

Wir haben zu Lieblings Zeiten viel und oft über dieses Problem gesprochen: Wie kann meine Menschenkenntnis in mein Gefühl eingehen. Die Menschkenntnis wird ja erst, wenn ich die Menschen auch so fühle:

Der andere will mir nicht schlecht

Der andere hat wie ich seine Schwächen

Der andere ist – wie ich – gefangen in seinen Kindheitsgefühlen

Der andere kann den freien Willen so wenig überwinden wie ich. Er glaubt auch, dass ich könnte, verstehen könnte, mich anders benehmen könnte, wenn ich nur wolle!

Manchmal denke ich, wir werden dieses Konzept, das uns zur zweiten Natur geworden ist, niemals überwinden. Es soll sich keiner zu früh freuen, auch wenn er unter der passiven Form dieses Krebsgeschwürs leidet, Angst vor dem andern hat, sich unterzieht, brav und anständig ist.

Meine Überlegungen kreisen seit Jahren um diesen Problemkreis: Wie überwinde ich den zum Gefühl gewordenen freien Willen?

Das lieblingsche Menschenbild

Das man mich richtig versteht, das lieblingsche Menschenbild ist auf jeden Fall eine Befreiung, auch wenn es noch nicht zum Gefühl geworden ist.

Es ist eine Wohltat, sich jeden Tag aufs Neue mit dem Mitmenschen zu versöhnen, auch wenn man es in der Tat nicht immer schafft.

Ich ärgere mich, manchmal geht der Affekt los, manchmal nicht, aber wenn der Affekt losgegangen ist, und man sich später das lieblingsche Menschenbild vor Augen führen kann, kann man sich mit sich versöhnen.

Oft ärgert man sich auch stumm, zum Glück. Aber wenn man nach dem Aerger keine Möglichkeit hat, sich mit sich zu versöhnen kann die Last schwer werden. Zum freien Willen kommt dann die Last der Schuld hinzu.

Ich ärgere mich eigentlich oft. Sicherlich einmal pro Tag. Bei jedem Ärger habe ich die Quittung: das lieblingsche Menschenbild ist in meinem Gefühl nicht verankert!

Wenn Sie, verehrte Anwesende, sich auch ärgern, ja dann haben auch Sie die Quittung: auch in Ihrem Gefühl ist das lieblingsche Menschenbild nicht verankert.

Erst wenn wir uns nicht mehr über den Mitmenschen und uns selbst ärgern, haben wir diese Gefühlsveränderung vollzogen. Vielleicht verstehen Sie jetzt, was ich meine, wenn ich sage, dass dieser Weg schwer ist und – vielleicht – für uns gar nicht mehr möglich ist.

Gefühlsveränderung

In meinem letzten Beitrag an der Tagung 2010 habe ich versucht, den Weg hin zu dieser Gefühlsveränderung aufzuzeigen, so wie Friedrich Liebling ihn in allen Gesprächen gezeigt hat.

Irgendwie muss einem das Herz aufgehen, wenn man sich seine Schwächen und die Schwächen der Mitmenschen vor Augen führt.

Ich möchte Ihnen hier nochmals die Ausführungen von Friedrich Liebling vorlegen, die ich 2010 vorgetragen habe. Meiner Meinung nach sind sie die „Gebrauchsanweisung“:

Im Gespräch vom 11. Mai 1981[1], in dem ein Paar über seine Partnerschaft spricht, fragt Friedrich Liebling zuerst: „Entschuldigung. Was ist die Ursache dieser Unzufriedenheit, die das Ehepaar geschildert hat?“

Er bittet dann die Teilnehmer der Gruppe, diese Ursachen zu erklären. Viele Teilnehmer schildern dann ihre Sicht der Ursachen der Schwierigkeiten.

Friedrich Liebling hört sich alles geduldig an, fragt nach, ob denn die Betreffenden wüssten, warum sie die „Unzulänglichkeiten“ noch mit sich trugen, fragt schliesslich, ob es genüge, wenn man verstandesmässig etwas erfasst habe, bezweifelt dies und meint, ob da nicht mehr sei.

Dann führt er aus: „Nein, wir sind noch nicht so weit. Das ist eine brennende Frage. Da müssten gleich viele [Teilnehmer]das Gefühl haben, dass muss ich doch richtigstellen.“ Er fährt fort: „Also, die richtige Antwort wäre, dass das verstandesmässige Verstehen nicht genügt. Sonst wären viele Psychologen [wir könnten vieles]viel weiter in jeder Beziehung. [Wenn es so weit wäre]Wenn wir so reif wären. Mit dem Verstand allein ist es nicht gemacht. Es gibt Hunderttausende Bücher. Da haben sie alles drin. Das kann einer lesen und genau wissen, kann das genau weitergeben, kann darüber schreiben. Aber in seinem Gefühlsleben muss da eine Änderung eintreten. Wenn das nicht im Gefühl bewusst verankert ist, dann nützt es uns nichts. Wir versagen immer wieder. Trotz des vielen Wissens.“

Er führt dann weiter aus, dass es das Zeichen für die Veränderung sei, wenn der Mensch wisse. Er verursache dann die Probleme nicht mehr. Er sei dann erwachsen und habe genau das Menschenbild. Auf einmal erführe er, dass das was er früher erlebt habe, nicht stimme. Das was früher gegolten habe, gelte heute nicht mehr.

Er sagt: „Wer das im Gefühl aufnimmt, der sieht den Menschen anders.“

Weiter: „Also das Wissen genügt nicht, sondern das Erfühlen!“

Friedrich Liebling führt weiter aus, dass der Mensch, der erfühle, spüre, dass der andere, der Schwierigkeiten habe,  sich nicht im Leben zurechtfinde, weil er „krank“ sei. Der Mensch könne dann dem andern nicht böse sein. Er könne dem andern nicht böse sein, weil er wolle oder nicht wolle, sondern weil er ein anderes Bild hätte und dann dem andern einfach nicht mehr böse sein könne.

Ein Teilnehmer sagt, dass er verstanden habe, dass es sich um zwei Ebenen handle: Der Verstand und das Gefühl. Er fragt weiter „[] ob die Verankerung des Gefühls mit Hilfe des Verstandes zu machen sei?“

Friedrich Liebling antwortet, dass wir ins Stottern kämen, wenn wir diese Zusammenhänge zu erklären versuchten.  Er sagt zum fragenden Teilnehmer: „Es fällt Ihnen schwer, den Gedanken aufzunehmen [].“

Er erklärt dann weiter, dass wir Menschen in der Erziehung so irritiert worden seien, dass „wir so schwer den natürlichen Gedanken aufnehmen können.“

Beim besten Willen könnten wir diesen natürlichen Gedanken nicht aufnehmen. Es gehe nur mit dem Gefühl, aber unser Gefühl sei so irritiert, dass wir das neue Bild, das neue Menschenbild, einfach nicht aufnehmen könnten.

Das Erfühlen

In meiner Praxis erlebe ich jeden Tag, wie hart die Gefühle der Menschen sind, was ihnen das Liebste, ihre Kinder, angeht. Es ist ihnen nicht möglich zu sehen, dass die Kinder nicht aus Verstocktheit, Frechheit, böser Absicht, bösem Willen, Provozieren usw. handeln – die Liste kann endlos weitergeführt werden. Es ist dem Gefühl der Eltern nicht zugänglich, dass ihr Kind nicht böse, faul, frech ist, wenn es nicht gehorcht oder wenn es widerspricht. Die Situationen sind oft pathetisch, eigentlich offensichtlich: das Kind ist verletzt, eifersüchtig, fühlt sich abgelehnt usw., aber die Eltern können dies nicht sehen. Sie sehen nur sich, ihre Rolle als Eltern, ihre Gefühle, ihre Verletzheit.

Sie schicken ihre Kinder zum Psychologen, damit er sie zurechtbiegt, auf das sie nachher gehorchen, gut in der Schule arbeiten und brav und angepasst sind. Wenn dies nicht klappt, dann brechen sie die Behandlung ab. Wenn man ihnen gar sagt, dass ihr eigenes Verhalten eine Rolle spiele, dann sind sie beleidigt.

Das ist der Schwachsinn des heutigen Menschen, wobei es ihm wohlgemerkt um sein Liebstes geht.

Auch hier geht es darum, immer wieder den Stand des heutigen Menschen zu erfühlen, ihm in „seiner“ Sprache zu sprechen, verlangt viel Ausdauer und Geduld. Vor allem ist es wichtig, „nichts zu wollen“, es immer wieder als ein Versuch ansehen. Man versucht es, immer wieder, mit Geduld und Ausdauer.

Meine Erfahrungen in meinem eigenen Leben und aus meinem Beruf lassen mich jeden Tag aufs Neue bewundern, mit welcher Beharrlichkeit Friedrich Liebling jeden Tag während Jahrzehnten daran arbeitete, dem Menschen Menschenkenntnis zu vermitteln.

Er hat den Schwachsinn als das erfühlt, was er ist: unsägliche Verletzheit nach Jahren härtester Behandlung in der normalen Kindheit, in der Schule, in der Gesellschaft.

Viele von Friedrich Lieblings früheren Patienten und Schüler befinden sich heute im letzten Lebensabschnitt, ich auch. Sollen wir uns zufrieden geben mit dem Wissen? Werden wir je auch das Erfühlen erleben?



[1] « Wie können wir weiter kommen? Gefühl und Verstand » – Gespräch vom 11. Mai 1981